Kann die europäische Honigbiene ein effektives Abwehrverhalten gegen Vespa velutina nigrithorax entwickeln?
Rezension einer wissenschaftlichen Studie von 2014 durch Kurt P. / 01-2026
Diese Studie untersucht die Interaktionen zwischen der in Europa invasiven Asiatischen Hornisse (Vespa
velutina nigrithorax) und der westlichen Honigbiene (Apis mellifera) in Frankreich.
Studienthema
Da Vespa velutina nigrithorax erst 2004 nach Frankreich eingeschleppt wurde, haben sich die dortigen Bienenpopulationen nach nur 10 Jahren, also 10 Königinnen-Generationen, im Gegensatz zu ihren asiatischen Verwandten Apis cerana evolutionsbiologisch noch nicht an diesen Räuber angepasst.
Diese Studie untersucht die Interaktionen zwischen der in Europa invasiven Asiatischen Hornisse (Vespa
velutina nigrithorax) und der westlichen Honigbiene (Apis mellifera) in Frankreich.
Ziel der Untersuchung war es herauszufinden, ob europäische Honigbienen Apis mellifera effektive kollektive Abwehrmechanismen – insbesondere das sogenannte „Balling“ (Einknäueln) – gegen den neuen Feind entwickeln können und welche Faktoren (Hitze, Ersticken, Stiche) für den Tod der Hornisse verantwortlich sind.
Studiendaten
Studientitel: “Defensive behaviour of Apis mellifera against Vespa velutina in France: Testing whether European honeybees can develop an effective collective defence against a new predator”
Erscheinungsjahr: 2014
DOI: 10.1016/j.beproc.2014.05.002
Autoren: Mariangela Arca, Alexandros Papachristoforou, Florence Mougel, Agnès Rortais, Karine
Monceau, Olivier Bonnard, Pascal Tardy, Denis Thiéry, Jean-François Silvain, Gérard Arnold
Download-URI:
https://www.sciencedirect.com/science/article/abs/pii/S0376635714001223?via%3Dihub
Kaufpreis der Volltext-PDF: $US 24,95
Zusammenfassung der Studie
1.Methodik und Versuchsaufbau
Die Studie wurde im Südwesten Frankreichs durchgeführt, einer Region, die die *Vespa velutina* seit der Einschleppung stark besiedelt hat. Untersuchungsgegenstand waren 95 Bienenvölker in 8 verschiedenen Bienenständen über die Jahre 2008 und 2010. Die Forscher nutzten vier Ansätze:
- Beobachtung unter natürlichen Bedingungen: Analyse der Interaktionen am Flugloch ohne Eingriffe.
- Simulierte Angriffe: Präsentation von lebenden, an einem Nylonfaden befestigten Asiatischen Hornissen direkt vor dem Flugloch oder auf dem Flugbrett, um die Reaktion der Wächterbienen zu testen.
- Intranidale Tests: Einführung von Asiatischen Hornissen direkt in den Bienenstock, um die Fähigkeit zum „Balling“ und die Tötungseffizienz unter Zwang zu testen, begleitet von Temperaturmessungen im Bienenball.
- Inkubator-Tests: Überprüfung der Hitzetoleranz von Asiatischen Hornissen, um festzustellen, ob Temperatur allein als Tötungsmechanismus ausreicht.
2.Abwehrverhalten am Flugloch (Ineffizienz der Verteidigung)
Unter natürlichen Bedingungen zeigten die europäischen Honigbienen eine ineffiziente und unorganisierte Verteidigung.
Bee-Carpet: In 42 % der Fälle bildeten die Bienen einen sogenannten „Bee-Carpet“ (Bienenteppich),
eine dichte Ansammlung von Wächterbienen am Flugloch und an der Frontwand der Beute.
Einstellung des Sammelflugs: Die Anwesenheit der Hornissen führte zu einem drastischen Rückgang
der Flugaktivität. Dieser Rückgang war bei Völkern, die schon länger unter Prädationsdruck
standen (z.B. im Spätherbst oder in Gebieten mit mehrjähriger Hornissenpräsenz), weniger stark
ausgeprägt, was auf eine gewisse Gewöhnung oder Erschöpfung hindeuten könnte.
Jagderfolg der Hornisse: Vespa velutina nutzt die Strategie des „Bee-Hawking“ (stationärer Schwebeflug
vor dem Stock), um heimkehrende Sammlerinnen abzufangen. Da die Hornissen selten auf dem
Flugbrett landen, sondern in der Luft jagen, griffen die Bienen aus dem „Bee-Carpet“ heraus fast nie
an. Es wurde im Freiland kein erfolgreiches „Balling“ beobachtet.
3.Balling-Verhalten und Tötungseffizienz
Die Experimente zeigten deutliche Unterschiede zwischen Angriffen vor und im Stock:
Vor dem Stock: Wenn Hornissen künstlich auf dem Flugbrett platziert wurden, bildeten 72 % der
Völker Bienenbälle. Diese waren jedoch oft klein und ineffektiv; nur 9,5 % der so attackierten Hornissen
wurden innerhalb von 5 Minuten getötet.
Im Stock (intranidal): Wurden Hornissen direkt in das Volk eingeführt, war die Abwehr weitaus erfolgreicher.
76,4 % der getesteten Hornissen wurden getötet. Die Wahrscheinlichkeit, dass die Hornisse starb, stieg mit der Dauer des Einknäuelns. Nach einer Stunde waren 100 % der Hornissen tot.
4.Tötungsmechanismus: Hitze vs. Asphyxie
Ein zentrales Ergebnis der Studie betrifft die Frage, wie die Bienen die Hornisse töten.
Temperatur: In den Bienenbällen zeigten die Messungen der Autoren eine durchschnittliche Maximaltemperatur von 44,0 ± 0,9 °C (Spitzenwert 45,4 °C).
Hitzetoleranz: Kontrollversuche im Inkubator zeigten, dass eine Temperatur von 45 °C allein nicht
ausreicht, um Vespa velutina schnell zu töten. Nur 18 % der Hornissen starben bei dieser Temperatur
sofort; selbst nach einer Stunde lebten noch einige Tiere.
Schlussfolgerung: Da die Bienen im Stock die Hornissen dennoch effektiv töteten, schlussfolgern
die Autoren, dass – ähnlich wie bei der zypriotischen Biene gegen Vespa orientalis – ein synergistischer
Effekt vorliegt. Die Hitze („Thermo-Balling“) wirkt zusammen mit Asphyxie (Ersticken durch
Blockieren der Atemöffnungen) und einem erhöhten CO₂ -Gehalt im Ball („Asphyxie-Balling“).
Rolle des Stachels: Stiche spielen kaum eine Rolle. Von 42 im Stock getöteten Hornissen wies nur
eine einzige einen Stich auf.
5.Fazit der Autoren und Diskussion
Die Studie kommt zu dem Schluss…
…dass Apis mellifera in Europa physiologisch zwar in der Lage ist, Hitzebälle zu bilden und Hornissen
durch eine Kombination aus Hitze und Ersticken zu töten,
…dass sie diese Fähigkeit aber verhaltensbiologisch (noch?) nicht effektiv nutzt.
Im Gegensatz zur asiatischen Apis cerana, die kollektive Angriffe startet, sobald sich eine Hornisse nähert,
verharren europäische Bienen passiv im „Bee-Carpet“.
Diese Verharrungs-Strategie schützt zwar kurzfristig das Nestinnere, verhindert aber nicht das Abfangen
von Sammlerinnen. Stopp der Futterversorgung führt mittelfristig sogar zur Schwächung des Volkes.
Die fehlende Ko-Evolution macht die europäische Honigbiene zu einer leichten Beute für die invasive Vespa velutina.
6.Fazit des Rezensenten
Die Studie ist jetzt mehr als 11 Jahre alt. Alle seit 2004, dem Beginn der Invasion, gebauten Velutina-Nester in Europa gehen auf eine einzige Stamm-Mutter zurück: mehrere Millionen Nester, die Mehrzahl davon unentdeckt.
Die Zucht von Honigbienen führt nur dann erfolgreich zu gesetzten Zielen, wenn sie im Möglichkeitsbereich dessen liegt, was die Evolution zulässt – oder gar, was ohnehin ein potentielles Ergebnis der langsamen natürlichen Evolution wäre. Im letzteren Fall beschleunigt die Zucht sogar das, was auch die Evolution anvisiert.
Wäre es nicht an der Zeit, dass aus der europäischen Imkerschaft Initiativen hervortreten, die der natürlichen Evolution bezüglich der Velutina unter die Arme greifen? Und zwar, indem sie sich ein weiteres Ziel ihrer Zuchtarbeit setzen? Dieses Zuchtziel hieße:
“Unsere europäische Mellifera-Biene soll sich gegen
die Gelbfuss-Hornisse mindestens genauso gut
wehren können wie es die Asiatische Cerana kann!“
